Die Pakete der Anderen


Es gibt eine Sache, die in Wohnungsanzeigen immer verschwiegen wird. Zusätzlich zu den drei hellen Zimmern, dem renovierten Badezimmer und dem Laminatfußboden gehört zu der Wohnung im ersten Stock auch immer ein wichtiges Amt innerhalb der Wohngemeinschaft: Die Paketannahmestelle. Belohnung dieses Amtes sind ein ausgezeichneter Kontakt zu den Paketboten der ortsansässigen Unternehmen und ein ziemlich guter Überblick über die Bewohner des Hauses.

Die Studenten-WG am anderen Ende des ersten Stocks bekommt immer klassische Studentenpakete von Zuhause – schwer, komplett mit braunem Paketklebeband umwickelt und als Absender derselbe Name wie der Empfänger. Der Nachbar von gegenüber hingegen bekommt riesige Otto-Pakete und eine Menge Briefpost, die nicht durch den Briefschlitz passt. Ein Stockwerk höher wohnt ein Pärchen mit einem Boxer und einer ausgeprägten Zigarettenvorliebe. Nachdem sie Ihre Pakete abgeholt haben, weht immer noch eine ganze Weile Rauchgeruch durch das Treppenhaus. Den Boxer scheint das nicht zu stören, den interessiert der Pinscher aus der Nebenwohnung viel mehr. Dessen Frauchen bekommt eine beeindruckende Anzahl an Paketen von Parfümerien und Modehäusern.

Die Familie aus dem dritten Stock ist vermutlich Eigentümer des Müllsacks, der oft auf halber Höhe des Treppenhauses zwischengelagert wird. Die beiden Kinder haben ein sehr feines Gespür dafür, wie lange sie die Nerven Ihrer Eltern und Nachbarn strapazieren können, bevor es Zeit wird, den Müll hinunter und die vor zwei Wochen bekommenen Pakete hinaufzutragen. Ihr direkter Nachbar hingegen kommuniziert am liebsten schriftlich und ist vermutlich der Urheber der mit vielen Ausrufezeichen versehenen Zettel im Hausflur. Die Themen sind vielfältig, das Verschließen von Haus- und Kellertür ist aber ein immer wieder beliebter Aufhänger. Besagter Nachbar bekommt aber auch immer wieder Pakete von Elektrofachgeschäften, zumeist kurz bevor die kaputte Glühbirne im Treppenhaus plötzlich wieder funktioniert.

Nur die Bewohner der Wohnung im Dachgeschoss bekamen bisher noch nie Pakete. Man hört sie nie, sieht sie nie und keiner hat je mit ihnen gesprochen. Aber das wird sich bald ändern, denn heute hat der Bote ein kleines Päckchen mit unbekannten Namen im ersten Stock abgegeben.

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