Am Bahnsteig


Du stehst am Bahnsteig, schon wieder. Du bewegst dich blind von Ankunftsgleis zu Umstiegsgleis, schaust nicht mehr auf die Schilder, höchstens noch in die App wegen der Verspätung. Gestern Morgen beim Umzug von Freunden in Stadt A, gestern Abend zum Babysitten in Stadt B, heute Familienausflug und Rückfahrt ab Stadt C. 400 Kilometer an einem Wochenende sind gar nichts. Von den Bahnkosten könntest du jeden Monat einmal in den Urlaub fahren.

So macht man das doch heutzutage, alle sind immer flexibel, alle sind immer woanders. Beziehung, Job und Familie sind mehrere Bahnstunden voneinander entfernt, Freunde sind überall und irgendwie immer zu weit weg. Die Gleisansagen kannst du auswendig, die Strecken kennst du so gut, dass dir ein Blick aus dem Fenster genügt, um zu wissen wie lange es noch dauert. Der Schaffner nickt dir zu, du weißt, dass er einen starken Hamburger Dialekt hat, auch wenn er noch kein Wort gesagt hat. In den Umstiegspausen schickst du Sprachnachrichten, die genau zwischen zwei Durchsagen passen. Den Kaffee holst du immer bei der kleinen Filiale des Bäckers im hinteren Bereich, weil du dort nie warten musst. Fahrkarten kaufst du nicht am dritten Automaten von rechts, der wechselt keine Zwanziger.

Am nächsten Wochenende musst du dich schon wieder zwischen zwei Geburtstagen entscheiden, du kannst schon wieder nicht auf beiden sein. Früher hast du das oft gemacht, wenigstens ein paar Stunden hier, dann dort, aber die Entfernungen sind größer geworden. Du sagst keinen Satz so oft wie „wir müssen uns mal wieder sehen“ und bewachst Tag und Nacht dein Telefon, nur für den Fall, könnte ja sein.

Deine Besuche sind inzwischen schon ein Running Gag, immer musst du noch weiter. Trinkst nur eine Tasse Kaffee, stellst die letzten Kisten ab und musst schon wieder los. Aus dem Zug schickst du noch Nachrichten hinterher, wünschst noch viel Spaß oder viel Kraft oder viel Zeit beim nächsten Treffen. Dann buchst du noch schnell das nächste Ticket und steckst das Handy weg, weil du das Funkloch auf den nächsten Kilometern schon kennst.

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