Mit der Linie 4 durch Dresden

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Dresden, 19.12.2016, die letzte Woche vor Weihnachten. Ist es schon in der Adventszeit eine nicht unerheblich schwierige Aufgabe, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, so kommt eine Fahrt mit der Straßenbahn in den wenigen Tagen vor Heiligabend einer Ausbildung zum Nahkämpfer gleich. Der Instinkt vermutet eigentlich ständig, es müsse doch gleich eine Durchsage kommen: „Wegen Überfüllung geschlossen!“ Doch die Lautsprecher bleiben stumm.

Haltestelle Postplatz, 16:20 Uhr, dickster Feierabendverkehr. Die elektrische Anzeige verrät mir, dass die Linie 4 nach Radebeul West in 1 Minute kommt, die Linie 4 in Richtung Weinböhla in 3 Minuten. Ich weiß, die erste Tram wird brechend voll sein, weil alle versuchen werden, sich in ihre Waggons zu quetschen. Aber ich habe keine Zeit und beschließe sie darum trotzdem zu nehmen.

Neben mir wartet eine junge Mutter. Sie hat eine LED-Lichterkette um ihren Kinderwagen geschlungen, die mal hektisch blinkend, mal sanft leuchtend ihren Dienst tut. Die Hand der Frau geht von einer Brezel in einer Papiertüte abwechselnd zu ihrem eigenen Mund und zu dem kleinen Schnabel ihres Kindes, das dick eingepackt und pausbäckig mit der Nase kaum über den Rand seines fahrbaren Untersatzes lukt.

Die Tram kommt und wie erwartet drängeln sich alle hinein. Ich hätte die andere Bahn nehmen sollen. Was sind schon 3 Minuten…

Die nächste Station ist der Theaterplatz. Während ich mich im Pulk der Menschen krampfhaft die Haltestange umklammere, verrenke ich mir den Hals, um noch einen Blick auf die wunderschönen barocken Gebäude zu werfen. Semperoper, Hofkirche, Schloss. In diesem Augenblick fliegt ein Schwarm Vögel über den Platz und die Haltestelle. Aus dem Augenwinkel sehe ich nur ihre Silhouetten, die mal schemenhaft dunkel, mal grell von unten durch die Straßenlaternen erleuchtet an uns vorbeizischen. Zielgerichtet, auf dem Weg in ihr Winterquartier.

Die Bahn ruckt an und fährt wieder los. Noch immer schaue ich der Altstadt hinterher. Jeden Tag sehe ich sie, doch ich werde ihrer nicht satt. Auf dem Balkon der Oper steht ein großer Weihnachtsbaum. Die Lichter spiegeln sich im Wasser der Elbe, verlaufen zu einem aquarelligen Widerschein aus Gelb, Rot und Orange. Am Himmel ist ein ganz ähnliches Spektakel vom Sonnenuntergang zu beobachten. Doch hier frisst der Nachthimmel die bunten Schlieren langsam auf.

In der Tram herrscht ein Kommen und Gehen. Sitzplätze leeren sich und finden wieder eine neue Besetzung. Die Luft ist langsam aber sicher von einem dezenten Glühwein-Geruch geschwängert. Die ersten Weihnachtsmarktbesucher haben scheinbar genug, wollen heim. So wie ich.

Dann knackt der Lautsprecher doch noch, eine Durchsage: „Aufgrund einer Störung nehmen Sie bitte die nachfolgende Bahn Richtung Weinböhla!“ Die Tram leert sich, ich lasse mich vom Strom entnervter Passagiere hinaustragen und denke müde: „Ich hab’s doch gewusst!“

Von Silvana Arndt

Silvana lebt in Dresden, ist Fotografin und Journalistin und bloggt unter dem Namen Palandurwen über Literatur, Fotografie und DIY.

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