Advent

rebecca_advent

Vor dem Hannoveraner Hauptbahnhof drängen sich die Menschen. Ernst August schaut grimmig von seinem Pferd hinab auf die Menge, die ihn nicht im Geringsten beachtet. Der Weihnachtsmarkt ist in vollem Gange, überall stehen beleuchtete Buden mit Glühwein, Schmalzkuchen und Schokofrüchten.

Sie steht mit dem Rücken zur Menge, direkt neben der Statue und schaut zum Parkplatz herüber. Mit der linken Hand klammert sie sich an den Griff ihres Rollkoffers, mit der rechten hält sie ihr Handy ans Ohr. Sie redet aufgeregt und laut, jemand scheint sie vergessen zu haben. Acht Stunden ist sie mit dem Zug unterwegs gewesen, irgendwo in Süddeutschland hat sie Verwandte besucht. Jetzt ist sie wieder zurück und hat sich auf einen gemütlichen Adventsabend mit Freunden gefreut, aber ihr Mann ist nicht rechtzeitig am Bahnhof, um sie abzuholen.

Er arbeitet viel, erklärt sie, auch am Wochenende. Er meint es nicht böse, es ist nur ein ungünstiger Tag für ein zu langes Nickerchen. Sie hat ihre beste Freundin schon sehr lange nicht gesehen und sie haben doch eine Reservierung beim Griechen. Ihr Handy piept erneut, er sei unterwegs, gleich da. Sie nickt, obwohl er sie nicht sehen kann. Die Adventszeit ist nicht so einfach für sie, ihre Tochter starb vor ein paar Jahren bei einem Unfall. Seitdem machen die Weihnachtstraditionen sie nur noch traurig. Es gibt keinen Weihnachtsbaum mehr in ihrem Haus, auch keine Bescherung. Lange gab es an Weihnachten nur die Trauer, aber dieses Jahr soll es anders werden. Sie fahren weg über die Feiertage, auf eine Insel, deren Namen sie immer wieder vergisst. Dort ist es warm und schön und gar nicht weihnachtlich. Ihr Mann hat das beschlossen und es ist wohl eine gute Idee. Ihre Tochter hätte das auch gewollt, sagt sie. Mutti, hat sie immer gesagt, ihr arbeitet so viel, ihr müsst auch mal Urlaub machen. Das machen sie jetzt und sie machen auch vieles andere wieder. Freunde treffen zum Beispiel. Deswegen ist dieser Abend auch so wichtig für sie, sie hat extra den früheren Zug zurück genommen. Das Leben ist ja trotzdem noch da, das kann man ja nicht einfach in die Ecke stellen. Und man hat ja auch immer noch einander, das ist wichtig.

Ihr Handy blinkt, er ist da. Sie winkt zum Abschied, obwohl ich direkt vor ihr stehe. Ich wünsche ihr einen schönen Urlaub. Sie nickt und lächelt, dann rollt sie ihren Koffer zum Parkplatz, wo ein Mann ihn in den Kofferraum eines blauen Toyotas legt. Sie küssen sich, dann steigt sie ein. Aus dem Auto winkt sie noch einmal.

2 Gedanken zu “Advent

  1. „Das Leben ist ja trotzdem noch da, das kann man ja nicht einfach in die Ecke stellen. Und man hat ja auch immer noch einander, das ist wichtig.“

    Besser hätte sie es wohl nicht formulieren können.

    Gefällt 1 Person

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