Am Gleis

Stadtnotizen Bahnhof Foto Melanie

Ich bin vorbereitet, der Bus ist es nicht. Er kommt, aber als er kommt, weiß ich, ich muss rennen. Ich renne dann. Von der Bushaltestelle zum  500 Meter entfernten Dorf-Bahnhof. Das Laub klebt matschig unter meinen Schuhsohlen, einmal schlägt mir ein Ast gegen den Oberkörper. Das spüre ich nicht, ich sehe es nur.

40 Sekunden brauche ich, um mir die richtige Fahrkarte zu kaufen. Der Automat wartet lange, bis er das Wechselgeld raus gibt. Ich überlege, ob ich es liegen lassen würde, wenn ich hörte, das die Schranken sich schlössen. Ich bin gerannt, sage ich mir, es wäre nur konsequent das Wechselgeld liegen zu lassen. Ich denke in Klischeebildern. In etwa: Meine Kehle brennt, röchelndes Husten, fit wie ein alter Turnschuh, das Gegenteil von entspannt. Als ich auf dem Gleis stehe, bin ich stolz. Ich habe alles gegeben, ich habe mir zwar keinen Kaffee und auch kein Brötchen mehr kaufen können, aber ich habe trotz unvorhergesehener Widrigkeiten alles gegeben. In meinem Kopf bilden sich heroische Metaphern auf das Leben im Allgemeinen. Aphorismen, mit denen man Grußkarten bestücken könnte. Oder Facebook-Pinnwände. Für Twitter wären sie zu lang. In 140 Zeichen denkt es sich so schwer.

Im Nebel des beginnenden Tages sehe ich runde Leuchten am Horizont, ich erwarte den Zug, ich erwarte das metallische Klingeln am renovierten Bahnhofsgebäude, das sich anhört wie die alte Pausenglocke an einer Schule, die der Nostalgie frönt. Oder dem Loch in der Schulkasse. Ich bin vorbereitet. Der Zug ist es nicht. Er kommt nicht. Er fällt aus.

Verloren stehe ich neben anderen Pendlern auf dem Gleis. Aber ich habe doch einen Termin, flüstert es neben mir. Ein Mann mit Klapprad zuckt ergeben mit den Schultern, dann schiebt er sein Rad auf die Straße zurück. Vier ältere Frauen mit bestickten Stofftaschen wissen nicht, wohin. Eine dreht sich einmal um sich selbst. Ein stämmiger Mann in olivgrüner Jacke geht auf das einzige Wartehäuschen am Bahnhof zu. Offensichtlich hat er sich entschieden, auszuharren. Der nächste Zug kommt in einer Stunde. Ich habe auch einen Termin. Ich werde die Begrüßung und den ersten Vortrag der Tagung verpassen, zu der ich mich angemeldet hatte. Der erste Vortrag klang spannend in der Ankündigung. Polemisch. Gute Grundlage für eine Diskussion. Ich hatte mich darauf vorbereitet. Kurz gehe ich Alternativen durch. Keine Alternative würde sich lohnen. Also laufe ich zur nächsten Bäckerei, kaufe mir einen Kaffee und ein Brötchen, lese einen Artikel über postfaktische Politikmacherei und stehe eine Stunde später wieder am Gleis. Der Zug hat sechs Minuten Verspätung. Die Sonne sticht durch den Nebel. Dann rasselt die Glocke am Bahnhofsgebäude.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s