Auf dem Nachhauseweg

Stadtnotizen Turnhalle Melanie

Jemand hat vergessen, das Oberlicht zu schließen. Jemand hat vergessen, das Licht auszumachen. Jemand hat vergessen.

Der Rasen ist feucht, es sind nicht die wasserdichten Schuhe, die sie heute trägt. Heute wollte sie sich zeigen, jetzt kommt sie zu spät. Der letzte Bus fährt bald, es ist noch nicht einmal 23 Uhr. Das kennt sie schon, der Fahrplan ist lakonisch. So sagt sie sich das. Von der Straße her sind Autos zu hören, Autos und Menschen auf Fahrrädern. Fußgänger. Fußgänger, die miteinander reden. Warum gehst du zu Fuß, fragen sie. Und die anderen antworten: Der Busse wegen. Die Straßen sind voll, die seltenen Busse leer. Da gäbe es noch so viele Bilder, denkt sie und schaut auf die beschlagenen Fenster vor sich. Sie hatte es eilig. Sie hatte gesagt, sie müsse zur Haltestelle. Sie müsse zeitig los. Sie ist gegangen, bevor etwas entstehen konnte. Das kennt sie aber schon. Das kennt sie aus anderen Städten. Kiel ist nicht die einzige Stadt mit einem provinziellen Bussystem. Aber mit Sicherheit einer der bemerkenswertesten unter den Städten mit ÖPNV-Problemen. So scheinen die Busfahrer relativ zufrieden zu sein. Sie kann sich nicht erinnern, dass ein Busfahrer bislang unhöflich gewesen wäre. Oder nicht zuvorkommend. Auch werden hier keine Studenten beschimpft. Und der letzte Bus fährt auch nicht einfach an der Haltestelle vorbei, obwohl man dort steht und einsteigen will. Sich extra unter die Straßenlaterne gestellt und schon mal den Fahrausweis hervorgeholt hat. Und bis jetzt kam hier auch immer der letzte Bus. Es ist etwas Tolles, wenn der letzte Bus tatsächlich kommt und man nach Hause kann, so wie man es geplant hat. Nicht gewünscht, aber geplant. Das kann in gewisser Weise Zufriedenheit bedeuten. Mit einem Nachtbus ist sie hier noch nicht gefahren, denen traut sie nicht. Da kann zu viel daneben gehen. Ein Sternchen auf dem Busfahrplan und schon fährt so ein Nachtbus nur zwischen Mai und September an jedem dritten Freitag im Monat und dann hat man den Salat. Sie schaut auf ihre Schuhe. Das grünlich-fahle Licht aus der Turnhalle schimmert auf dem Kunstleder. Kurzes Gras hat sich an die Seiten der Sohlen geheftet. Ob noch jemand in der Turnhalle ist? Ob sie überhaupt auf dem Gras herumstehen darf? Eine Schule so nah an einer Hauptstraße und von der Tartanbahn könnte man direkt auf die Fahrbahn rennen. Sie denkt, sie will das jetzt versuchen. Sie geht zur roten Kunststoffbahn, wippt mit den Füßen, dann rennt sie los. Ohne Startsignal, manchmal ist das okay. Das grüne Sportlicht geht über in warme Straßenbeleuchtung. Sie stoppt vor dem Fahrradweg. Der letzte Bus fährt an ihr vorbei. Kurz überlegt sie, zurückzugehen. Sie könnte sagen: Diese Busse. Man würde sie verstehen. Später ein Taxi, vielleicht zu zweit. Da wird das Licht in der Turnhalle gelöscht. Ach, denkt sie und schließt sich einer Fußgängergruppe an.

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