Am Falckensteiner Strand

Falckenstein

„Wir sitzen gegenüber vom Klohäuschen“, ruft eine Frau im Bikini in ihr Handy hinein. Offensichtlich verweht der Wind die Worte, sie wird lauter, präziser: „Da, wo wir immer parken, dann am Klohäuschen vorbei und dann bis zum Wasser.“ Bis zum Wasser haben es schon zu viele geschafft, die Navigation läuft vergeblich. Die Frau legt auf und sagt zu ihrer Nachbarin: „Muss sie sich heute eben andere Freunde suchen.“

Am Strand Falckenstein ist für ein paar Stunden der Sommer eingekehrt. Bei 21 Grad Celsius Außentemperatur sind am Vormittag die ersten Sonnenhungrigen gestartet, sie haben Strandmuscheln und Volleyballnetze aufgebaut. Die Ostsee hat Algen an den Sandstrand gespült, dahinter ist das Wasser klar und kalt.

Fünf Männer nähern sich gemeinsam der See. Der Mann an der Spitze der Schar trägt einen Wasserball bei sich. Sie schaffen es in langsamen, lachend-murrenden Zügen bis zu der Stelle, wo das Wasser die Hüften trifft. Der Mann mit dem Wasserball schaut zum Strand zurück, anscheinend hat er jemanden entdeckt. Kurz darauf stehen die Männer im Pulk, sie schreien: „Hier sind wir! Es ist arschkalt! Aber wir sind hier!“

Eine Frau, ein Mann und zwei Jungs laufen am oberen Ende des Strandes entlang. Die Jungs haben zwei krumme Stöcke bei sich. An einer mit Gras bewachsenen Stelle machen sie halt, der Mann lüftet sein blaues Hemd und stampft die Stöcke in den Sand. Die Frau spannt ein Badetuch darüber, das sie aus einer Plastiktüte genommen hat. Sie will die Jungs unter dem selbstgebauten Sonnenschutz platzieren, die Kinder aber wollen ins Meer. Die Frau willigt ein und während sie ein kleines Boot aufpustet, ziehen die Jungs ihre Badehosen an. Der Mann hat sich neben den schiefen Baldachin aus Stock und Badetuch gelegt, die braunen Herrenschuhe ausgezogen und seinen Strohhut auf dem Gesicht platziert. Unter Beobachtung der Frau bleiben die Jungs zehn Minuten im Wasser, dann retten sie sich auf das Mini-Schlauchboot, später tragen sie lange Hosen und Kapuzenpullis.

Die Fähre kommt und mit ihr die einheimischen Kinder. Erst fluten sie den Steg zum Strand, dann den Strand, dann das Meer. Ihnen macht die Kälte nichts, sie sind im Kollektiv. Jubelnd werfen sie sich Bälle zu, stoßen, lachen, schwimmen, planschen. Sie sehen die Wolken nicht, die, vom Land kommend, über ihnen Halt machen. Als die Sonne verschwindet, geht ein leises Frösteln durch die Reihen. Aus dem Wasser kommen sie nicht. Das ist ihr Tag am längsten Strand von Kiel. Der kleine Sommer an der Ostsee.

 

 

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