Morgens auf dem Fischmarkt

Rebecca_Fischmarkt
Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele wichtige Erinnerungen für mich am Hamburger Hafen hängen. Mehr als einmal habe ich hier schon darüber geschrieben. Eine dieser Erinnerungen ist auf den Tag genau zwei Jahre her. Nach einem Grillabend auf dem Balkon haben wir spontan beschlossen, doch noch Touri zu spielen und früh morgens zum Fischmarkt zu fahren. Es gibt kaum Fotos davon, niemand wollte seine Augenringe in die Kamera halten. Aber ich habe Bilder im Kopf, wie du neugierig zwischen den Buden hin und her läufst. Ich erzähle das Großstadtmärchen, in dem Betrunkene ein lebendiges Huhn auf dem Markt kaufen und am nächsten Morgen den Schreck ihres Lebens bekommen. Du erwägst sofort, auch eines zu kaufen. Wir kaufen stattdessen Obst und Fischbrötchen und stehen noch lange zu dritt an der Hafenmauer. Dein müdes, grinsendes Gesicht im Morgenlicht ist meine Lieblingserinnerung an dich.

Auf den Tag genau vor drei Monaten bist du gegangen. Ich werde nie erfahren, welcher Gedanke es letztlich ausgelöst hat. Alles was ich weiß, wird mir auf dem Bildschirm angezeigt oder sitzt neben mir im Pub. Alles was ich weiß, ist, dass die 70€-Rechnung in diesem Pub nicht reicht und auch alle traurigen Lieder dieser Welt nicht. Alles was ich weiß, ist, dass eigentlich gar nichts reichen kann. Das wird mir besonders deutlich, als ich auf diesem Friedhof stehe und all die schwarz gekleideten Menschen sehe, deren Biografien ab jetzt einen Knick haben. Ihre Leben werden für immer in ein Vorher und ein Nachher eingeteilt sein und dieser Gedanke ist in meinem Kopf viel lauter als die Trauerrede.

Du warst nach diesem Morgen auf dem Fischmarkt fit, als einzige von uns. In all deinen Nachrichten nach dieser Nacht hast du Schiffsmetaphern verwendet. Hast vom Heimathafen geschrieben und davon, die Segel setzen zu wollen. Du hattest eine Menge Pläne und eine trotzige Energie, diese auch umzusetzen. Du warst immer wach, in jedem guten und schlechten Sinne. Du warst rastlos, aber vor allem warst du da. Du warst da an diesem frühen Morgen auf dem Fischmarkt und du hast mit uns gelacht. Und das ist, was zählt.

Ein Gedanke zu “Morgens auf dem Fischmarkt

  1. Pingback: Kneipenbesuch in der Hamburger Neustadt – Stadtnotizen

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