Unterwegs mit der Üstra

Museumsbus Üstra Foto MelanieAuf den Bürgersteigen, die Passanten. Sie drehen sich mit der Fahrtrichtung, die Augen geweitet, die Arme zumeist schlaff. Eine Frau mit Dauerwelle und Brille fasst einen vor ihr gehenden Mann in Anorak am Ellbogen. Er bleibt stehen, er will schauen. Sein Blick wandert akribisch von links nach rechts, prüfend, den Mund halb offen, ein Fingerzeig. Dann ist er weg. Der Bus fährt weiter, Autofahrer starren aus den Seitenscheiben ihrer Fahrzeuge. Beige-rot ist keine Farbe mehr im öffentlichen Nahverkehr von Hannover. Beige-rot ist nur der Museumsbus, Wagen 596.

Die Gruppe ist klein, aber redselig. „Ist es gewollt, dass wir mit einem Bus fahren, der eine 96 in der Wagennummer hat?“, fragt einer. Buswitze werden gesucht, die Gruppe kennt viele Witze. Es ist eine Führung von Mitarbeitern der Üstra für ambitionierte Foristen, Bus- und Stadtbahnliebhaber. „Und wie lautet dein Nickname?“, fragt mich jemand. Auf dem Weg zum Betriebshof Glocksee vermengen sich die technischen Insider mit den Fahrgeräuschen des Museumsbusses. Es rappelt, es quietscht, es zischt. Ein bisschen schunkelt der Bus auch, ich fühle mich wohl. Das Rot der Sitze nimmt mich gefangen, lederfest zieht sich das Polster über die Lehnen. Eigentlich will ich nicht aussteigen, meine Knöchel sind warm, der Busfahrer hat die Heizung angemacht. Aber auf dem Betriebshof wartet die Schaltzentrale, ein Rondell, auf das wir mit Schlüssel und Checkkarten zugehen, eine Sicherheitstür nach der anderen passieren. „Ein Überbleibsel aus der Expo-Zeit“, heißt es erklärend. Hinter dem grünen Maschendrahtzaun flanieren Familien am Ufer der Ihme.

Im Rondell sitzt die Sonntagsschicht. Auf eine Leinwand wird das Tunnelsystem der Üstra projiziert, es blinkt in Farben, hauptsächlich in „Alles ok“-grün. Auf mehreren Monitoren schalten sich die Mitarbeiter von einer Überwachungskamera zur nächsten. Es wird gesehen und geprüft. Der Anspruch auf Korrektheit und auf Sicherheit hat hier eine eigene Aura. Das Wissen ist unendlich, das Interesse der Gruppe auch. Die Gruppe fragt nach dem Vorgehen bei Unfällen. Die Gruppe fragt nach dem Einsatz von Stadtbahnen im morgendlichen Pendlerverkehr. Die Gruppe fragt. Ich schaue einem Mann dabei zu, wie er versucht, ein Kamerastativ in seiner Umhängetasche zu verstauen. Er steht an einem Bahnsteig, die Stadtbahn fährt ein, als sich die Türen öffnen, ragt sein Stativ noch halb aus der Tasche. An Kröpcke verpasst ein anderer die Linie 6. Er drückt noch auf den Knopf, aber die Stadtbahn fährt schon an. Über einen Bahnsteig an der Haltestelle Aegidientorplatz hüpft eine Taube. Ich bin fasziniert von den Bildern, die mir die Monitore über die verschiedenen Kameras präsentieren. Der Draufblick gefällt mir. Es ist etwas anderes, ebenfalls auf dem Bahnsteig zu stehen und mit den Fahrgästen unterwegs zu sein, als aus der Distanz Bewegungen zu bewerten. Dann erinnere ich mich an eine Simpsons-Folge, in der die gesamte Stadt videoüberwacht wird. Flanders entwickelt eine abnorme Verhaltensweise, er will die Stadt kontrollieren. Und dann frage ich mich, wie oft man mich schon über die Monitore der Sicherheitsüberwachung hat warten sehen. Ich wende mich von den Bildschirmen ab. Die Gruppe verlässt das Rondell, wir sehen uns die Hauptwerkstatt an. Es riecht nach Lack und Metall, Getriebe stehen im Halbdunkel; wie die Werkstatt wohl in vollem Betrieb aussieht? Es geht zurück in die Innenstadt. Mit dem beige-roten Bus. Mit dem ich gerne weiter durch Hannover fahren würde, die lachende Liebhaber-Gruppe im Rücken.

 

 

 

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