Unter dem Hauptbahnhof

Eingang Stille Station Foto Melanie

Die Sicherheitstür ist schwer, ich stemme mich mit dem Rücken dagegen, meine rechte Hand liegt auf der plastikummantelten Klinke, ich atme in kurzen Zügen, den Staub kann ich bereits schweben sehen. Es scheppert, ich schaue zur Seite. Einer der Männer aus der Touristengruppe tippt mit seinem Schuh gegen ein am Boden liegendes Schild: „Treppe auf eigene Gefahr“. Ich nicke bedächtig, ist mir auch schon aufgefallen. Der Mann guckt mit stumpfer Miene, so, wie manche Männer gucken, wenn sie ihre Autorität mit Nachdruck zum Ausdruck bringen wollen. Als ich seinem Blick ausweiche, dreht er sich um und geht hinab. Ich warte, bis die Tür ins Schloss gefallen ist, dann folge ich ihm.

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Osterwetter

Rebecca_Osterwetter

Es ist Karsamstag und die Osterglocken im Glockseepark blühen. Ein Punk sitzt allein auf einer der Mauern und singt leise O la Paloma Blanca. Beim letzten A entfährt ihm ein Rülpser und er fängt an zu kichern. „Ist das nicht herrlich? Endlich ist Frühling“, sagt ein Mann zu seiner Begleitung. Er sieht in den Himmel, seine Begleitung rüber zu dem Punk.
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Unterwegs mit der Üstra

Museumsbus Üstra Foto MelanieAuf den Bürgersteigen, die Passanten. Sie drehen sich mit der Fahrtrichtung, die Augen geweitet, die Arme zumeist schlaff. Eine Frau mit Dauerwelle und Brille fasst einen vor ihr gehenden Mann in Anorak am Ellbogen. Er bleibt stehen, er will schauen. Sein Blick wandert akribisch von links nach rechts, prüfend, den Mund halb offen, ein Fingerzeig. Dann ist er weg. Der Bus fährt weiter, Autofahrer starren aus den Seitenscheiben ihrer Fahrzeuge. Beige-rot ist keine Farbe mehr im öffentlichen Nahverkehr von Hannover. Beige-rot ist nur der Museumsbus, Wagen 596.
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Waschtag

Rebecca_Waschweiber

Ich betrete den Waschsalon über die Terrasse, auf der im Sommer die Gäste sitzen und die Wartezeit mit Latte Macchiato überbrücken. Drinnen sitzen bereits drei Männer. Einer telefoniert, einer liest Zeitung, einer kratzt sich am Kopf. Aus den Lautsprechern tönt Loungemusik, die Waschmaschinen rattern, der Milchaufschäumer hinter der Theke zischt.
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Bahnhof Nordstadt II

BahnhofNordstadt_2_Melanie

Zwei Männer stehen am Fahrkartenautomaten an der Stadtbahn-Haltestelle Bahnhof Nordstadt. Sie tragen graue Bärte und dunkle Mützen. Der eine schaut auf den Display des Automaten, seine Hände stecken in den Jackentaschen. Der andere tippt mit der einen und hält Kleingeld in der anderen Hand. Der mit den Händen in der Jackentasche spricht auf den Mann mit dem Kleingeld ein. Er erzählt ihm etwas. Der andere nickt teilnahmslos. Dann hat er die Fahrkarten. Nun vergräbt auch er seine Hände in seinem Mantel, beide bleiben zwischen Fahrkartenautomat und Haltestellenhäuschen stehen. Der mit den Fahrkarten ist weiter stumm, der andere redet. Die Bahn ist noch nicht in Sicht, aber der lebhaft Redende stellt sich auf die Fahrbahn.

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Im Drachentöterhaus

Georgstrasse_Melanie_2

„Zwei Luftballons zum Preis für einen“, ruft einer der Männer mit dem schwer schwebenden Strauß aus Herzen, Einhörnern, Angry Birds und Minions. Er hält die Leinen kurz, die Folienballons beugen sich dem Wind. Es ist der Montag nach dem verkaufsoffenen Sonntag, statt zwei stehen sechs Frauen und Männer an der Georgstraße und versuchen die übrig gebliebenen Ballons an Familien und junge Paare zu bringen.
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Würzburg

Rebecca_Würzburg
Sie trägt eine viel zu große Jacke mit Tarnmuster und hält eine weiße Plastiktüte in der Hand. Es ist eine kleine Tüte, wie man sie in Drogerien bekommt. Die Tüte ist übervoll und droht bei jeder Bewegung zu reißen, eine benutzte Zahnbürste schaut raus. Ich sitze bereits im Zug, sie steht unter dem Schild mit der Aufschrift „Würzburg Hbf“. Sie steht dort und sie lacht aus vollem Halse.
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