Pierre Huyghe in Hannover

Pierrer Huyghe im Centre Pompidou, Paris

Pierre Huyghe hat einen Hund. Den hat er schon lange. Spätestens seit der documenta 13 kennen den Hund namens Human sehr viele Menschen. Das sagen die Medien. Zumindest aber haben schon sehr viele Menschen das Tier gestreichelt. Das habe ich gesehen. 2013 hatte Huyghe eine Retrospektive im Centre Pompidou in Paris. Wir waren dort, und haben das mit dem Hund nicht verstanden. Oder: Wir haben es bestimmt verstanden, wir sind ja kunstinteressiert, aber wir wollten uns nicht darauf einlassen. (So etwas sagt man als Kunstkenner.) Jetzt stellt Huyghe ausgerechnet seine Kunst im Sprengel Museum aus. Und du bist nicht da. Dies ist ein Text darüber, warum du nach Hannover kommen musst.

Wir beugen uns über ein Aquarium, es steht neben einem weiteren, das wir kaum beachten, denn ein sehr großer Stein versperrt den Aquariumsausgang. Das ist ungewöhnlich, aber wir finden es nicht sehr spannend. Die Ausstellungswände, die scheinbar willkürlich um die auf Sockeln stehenden Aquarien errichtet wurden, glänzen grau, trotz der weißen Farbe. Das Wasser im ersten Aquarium ist trüb, wir sehen Wasserpflanzen und Steine. Da ist ein Gesicht, sage ich. Auf dem Boden erkennen wir eine Nachbildung der Bronzeskulptur „La Muse endormie“ (Brâncuși, 1910). Sie bewegt sich, sagst du. Das Gesicht fällt auf die Seite. Wir sehen Fühler, dann Scheren, dann Beine. Ein Krebs!, rufe ich. Ein Flusskrebs!, verbesserst du mich. Der Flusskrebs hat Mühe, sich aufzurichten, sein Gesichtshaus wirkt schwer. Immer wieder fällt er seitlich hin. Wir stehen noch immer mit krummen Rücken vor dem Aquarium. Hinter uns laufen Kinder durch die Ausstellung. Ich kann mir das nicht ansehen, sage ich. Er muss es schaffen, sagst du. Können wir ihn nicht rausholen?, frage ich. Pierre Huyghe beschäftigt sich mit geschlossenen Lebensräumen, erklärst du mir. Aber meine Hände da vorne in den Sand drücken, das darf ich. Ich bin erbost. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?, fragst du. Huyghes Bienen willst du dir doch auch nicht auf den Kopf setzen.

Der Flusskrebs ist an einem großen Stein angekommen. Langsam schiebt er das Gesicht gegen den Stein, seine Beinchen stemmt er in den Boden. Mühsam krabbelt er vorwärts. Das gleichmütig wirkende Gesicht dreht sich, schaut uns an. Er schafft es!, rufe ich. Schlaues Tier, sagst du. In diesem Moment läuft ein Mann mit einem Hund an uns vorbei. Der Hund hat ein rosa gefärbtes Bein, der Mann trägt einen Adler-Kopf aus Stoff auf seinem Kopf. C’est lui, hören wir die Kinder rufen. Und: Oh, le chien! Der Hund folgt dem Mann mit dem Adler-Kopf, der Mann geht langsam durch die Ausstellung. Der Hund ist still. Er bleibt stehen, wenn der Mann stehen bleibt. Er lässt sich anfassen. Eine Menschentraube bildet sich um den Künstler und seinen Hund. Wir verlassen den Ausstellungsraum und setzen uns im Foyer auf den Boden. Es ist später Nachmittag, doch die Warteschlangen an den Kassen im Centre Pompidou sind noch immer lang. Menschen mit Tüten voller Bildbände laufen an uns vorbei, ein paar Touristen suchen die Toilette. Wir strecken unsere Beine aus, die Huyghe-Ausstellung war die letzte, die wir an diesem Tag gesehen haben. Wir sind das Centre Pompidou von oben bis unten abgelaufen. Wir haben in jeden Raum geguckt, sogar in solche, die noch im Entstehen waren. Wir sind Rolltreppen gefahren und haben die weißen Dächer von Paris betrachtet. Ich habe neben dem Porträt der Journalistin Sylvia von Harden (Otto Dix, 1926) posiert, du warst begeistert von dem Inventar eines Künstlers, dessen Name ich vergessen habe. Das waren sechs Stunden Kunst – und am Ende begegnen uns ein Flusskrebs und Human, der Hund.

Wenn wir heute über diesen Tag sprechen, dann erwähnen wir meist Huyghe. Der schon wieder, sagen wir. Und: Macht der immer noch was mit Tieren? Ach herrje. Ich muss dann grinsen. Weil der Tag in der „Raffinerie“ ein wunderbarer Tag war. Weil ich mir manchmal nichts Schöneres vorstellen könnte, als im Centre Pompidou meine Zeit zu verbringen. Ein in sich geschlossener Kunstraum – zu dem du dazugehörst. Und vielleicht schafft der Neubau des Sprengel Museums das auch, zumindest wäre der Gang durch die hannoversche Huyghe-Ausstellung ein Parcours durch die Erinnerung an diesen Tag. (Das mit dem Parcours war jetzt zusätzlich was für Huyghe-Kenner.)

 

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