Auf halber Linie nach Alte Heide

Endstadtion Alte Heide

An der Endstation in Sahlkamp wissen alle, wohin sie müssen. Manche gehen auf das Wohngebiet neben der Bahntrasse zu, andere stellen sich an die Bushaltestelle gegenüber, wieder andere kaufen sich einen Kaffee oder Zigaretten in dem dahinterliegenden Kiosk. Nur ich stehe unschlüssig auf dem breiten Bahnsteig, der mit seiner in der Mitte befindlichen Überdachung wie ein kleiner Bahnhof wirkt. Um auch ein Ziel zu haben, nehme ich mir vor, auf der Rückfahrt am Vahrenheider Markt auszusteigen und mir in der Pâtisserie Elysée ein Éclair zu gönnen. Als die Bahn am Markt hält, vergesse ich auszusteigen. Ich fahre bis Kröpcke, wechsle den Bahnsteig und warte auf die nächste Stadtbahnlinie 2 nach Alte Heide.

Die ersten haben Feierabend. Um fünf oder sechs Uhr in der Frühe sind sie aufgestanden, jetzt steigen sie an Kröpcke in die Linie 2, die Bahn nach Hause. Ihre für den Tag dick gepackten Taschen und Rucksäcke setzen sie sich auf die Schöße, die Arme werden zu Gurten, die Hände zu Verschlüssen. Beide Wagons der grünen Stadtbahn sind voll, im vorderen Wagon müssen einige stehen. Am Hauptbahnhof tauschen die Stehenden ihre Positionen mit den Einsteigenden, die Sitzenden bleiben sitzen. Am Gleis gegenüber hält eine Bahn der Linie 7 nach Misburg. Es ist ein TW 3000. Durch die zerkratzten Scheiben des Lindwurms der Linie 2 wirkt der TW 3000 wie eine tollkühne Prophezeiung. Auch die Misburger Fahrgäste sehen aus der Bahnsteig-Distanz frischer aus als die Vahrenheider und Sahlkamper. Beide Stadtbahnen fahren gleichzeitig los, Tunnelwände trennen abrupt den seltsamen Kontakt zwischen alt und neu.

Obwohl jeder Platz besetzt ist, ist es ungewöhnlich still. Eine warme Schwere legt sich über Körper und Geist. Jemand schnarcht. An der Dragonerstraße steigen zwei Jugendliche ein. Sie reden aus voller Kehle, sind aber kaum zu verstehen. Ihre Sätzen formen kleine Lautwolken in der behäbigen Wagonluft. Der Typ ist ja richtig eskaliert, kann man hören. Und: Das geht gar nicht mehr. An der Büttnerstraße steigen sie aus. Beim Blick aus dem Fenster gibt es auch gute Gründe, hier auszusteigen: Die Büttnerstraße wirkt wie eines der vielen Tore zur hannoverschen Peripherie. Dahinter wird alles kleiner werden, dahinter wird die Vorort-Architektur der 1950er Jahre dominieren. Dahinter liegen Vahrenheide und Sahlkamp.

Die Stadtbahn verlässt die Industrie-gespickte Vahrenwalder Straße, macht eine Rechtskurve und fährt auf die Haltestelle Großer Kolonnenweg zu. Eine Frau und ein Mann steigen ein. Die Frau schaut sich mehrmals um und setzt sich dann auf den einzigen freien Sitzplatz. Der Mann bleibt stehen. Sie schaut zu ihm auf: Das mit dem Auftrag für Bernd hat sich erledigt. Wie, erledigt?, fragt der Mann. Er umfasst mit der rechten Hand eine Halteschlaufe, die linke Hand vergräbt er in seiner linken Hosentasche. Ich habe die Unterlagen an Thomas weitergeleitet, soll der sich damit herumschlagen, sagt die Frau, die Beine übereinanderschlagend. Die Stadtbahn fährt auf das Hotel Fora zu, das schon von Weitem durch seine Größe und seine weiße Fassade auffällt. In einer Seitenstraße unweit des Hotels ist ein kastenförmiges und fensterloses Casino des Unternehmens Merkur zu sehen, im Hintergrund präsentiert sich das braungraue Finanzamt Nord. Wie eine unheilvolle Dreierkonstellation ragen sie in den Nachmittagshimmel, es geht auf den Mittellandkanal zu. Hinter der Brücke hockt ein Hund. Ein alter Mann mit einer Uschanka auf dem Kopf starrt das Tier an. Er hält eine Plastiktüte in den Händen. An der Haltestelle Reiterstadion gibt es eine ausgewiesene Hundefläche.

Nach dem Vahrenheider Markt werden die Haltestellen zu Wegen, Winkeln und Trifts. Rechts laufen die Zeilenbauhäuser neben der Bahnstrecke her, links gibt es Wiesen, Kleingärten und der Imbiss „Maradonna“. An Alte Heide treffen sich Bekannte beim Aussteigen. Ah, Frau G.! Hallo, Herr L. Das ist meine Schwester. Ja, schön. Woher kommen Sie? Wir waren in dieser französischen Bäckerei, da am Markt. Ach, schönschön. Na denn. Ja, bis bald mal wieder.

 

 

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s