Weihnachten in Saarbrücken

Berliner Promande in Saarbrücken

„Das Saarland, das ist der Osten des Westens. Hat unser Prof immer gesagt.“ Die Gruppe um den Redner lacht. „Bei der Mundart kann man das auch fast glauben“, sagt eine andere. „Wieso das denn?“, fragt ein dritter. „Weil die hier ‚es Jenny‘ sagen statt ‚die Jenny‘.“ Eine weitere Frau am Tisch reißt die Augen auf. „Das ist ja asozial.“ Ein Kellner kommt und fragt: „Unn, hann’a eisch entschied?“ Die Männer bestellen Weizenbier und Hirschgulasch, die Frauen stilles Wasser und Flammkuchen.

Am Nebentisch sitzen wir. Wir lächeln milde. „Wenn mich mittlerweile jemand fragt, woher ich komme, weiß ich gar nicht mehr, was ich antworten soll“, sagst du. „Ich gehe ständig mit meiner Herkunft hausieren“, sage ich. „Eigentlich gehöre ich nicht mehr hierher“, sagst du. „Gerade fühle ich mich vollkommen eins mit dieser Stadt“, sage ich. Wir verlassen das Restaurant. Am St. Johanner Markt laufen uns Weihnachtsmarktbesucher in die Füße. Lachende Menschen sitzen vor den Kneipen. „Das ist ja wie im Frühling“, sagst du. Ich frage mich, ob es mir nur hier nichts ausmacht, dass so viele Menschen auf so kleinem Fleck zusammenstehen. Ich habe das Gefühl, dass ich mich einfach hineinfallen lassen könnte in diese polyglotte Masse, deren einzige Sorge es ist, dass der Glühwein ausgehen könnte, noch bevor man sich entschieden hat, dass es vielleicht genug ist für heute. Selbst als wir an der seit Jahren leer stehenden, an allen Ecken angepissten und vertaggten C&A-Filiale an der Kaiserstraße vorbeigehen, bin ich vollkommen selig. „Das ist nicht gut, dass hier nichts mehr passiert“, sagst du. „Die Stadt verkommt doch. Wenigstens eine Disko könnte man eröffnen. Eine dreistöckige. Unten der Barbereich und auf jeder weiteren Etage verschiedene Floors.“ Am Hauptbahnhof stehen Jugendliche in Grüppchen zusammen. Drei Jungs tragen die gleichen roten Sportschuhe, sie bilden wohl so etwas wie eine Gang. Eine ältere Frau spricht mit ihrem Hund. Du steigst in die Saarbahn. „Bis nächstes Jahr“, sagst du. Ich kann noch nicht zurück, gehe zur Berliner Promenade und stelle mir vor, das Rauschen der Autos auf der Stadtautobahn gehörte zur Saar, die wie immer starr scheint in ihrem trägen Wasserbett. Ich lege die Stadt um mich wie einen Mantel und erst nach einer Weile fällt mir auf, dass meine Freude von dir kommt. Der Filter, den ich durch meine Wahrnehmung laufen lasse, bist du. Bist du in dieser Stadt. Die Ritual geworden ist.

Auf dem Rückweg kaufe ich mir einen Glühwein. Den Dialekt habe ich abgelegt, die Verkäuferin bemüht sich, Hochdeutsch zu sprechen. In der Nähe entdecke ich die Gruppe aus dem Restaurant wieder. Sie haben die Köpfe zusammengesteckt und reden wohl über die saarländischen Eigenheiten, die ihnen ins Gesicht und die Ohren springen. Kurz überlege ich, zu ihnen zu gehen. Ihnen die Stadt zu zeigen, die wir vor einiger Zeit in unterschiedliche Richtungen verlassen haben. Es wäre eine Stadt, die es vielleicht so nicht mehr gibt.

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