Erste Tage in Hannover

Farbenspiel

Im Oktober 2008 bin ich für mein Studium nach Hannover gezogen. Zum ersten Mal in einer neuen Stadt und zum ersten Mal weit weg von den Eltern – da waren die Eindrücke schon ego-intensiv. Fotos aus der Zeit gibt es keine. Und mein Misstrauen gegen jede Form von Leben musste ich auch erst einmal ablegen. Notizen aus meinen ersten Tage in Hannover.

Es klingelt. Wir sind verwundert. Es klingelt wieder. Ich gehe an die Tür. Draußen steht eine Frau, in meinem Alter. Aus Berlin. Sie will Fotos von uns machen für irgendein studentisches Projekt. Will nicht wissen, was die da oben im vierten Stock sich für Sachen ausdenken. Vielleicht war es eine Wette oder es ist ein Fake. In den Rohren an der Decke gluckert es, über uns wird wohl jemand aufs Klo gegangen sein. Der Hausmeister meinte, hier lebe man ruhig, nur der kleine Sören von nebenan wolle abends nicht ins Bett, das würde man schon mitkriegen. Die Fotografin macht Fotos von uns, dann ist sie wieder weg. Es war sicherlich ’ne Wette.

Wir haben noch kein Internet, das macht uns nervös. Ich war einmal an der Uni, jetzt weiß ich nicht weiter. Meine Studienordnung ist noch nicht draußen, dabei bin ich bereit zu planen. Ich muss jetzt immer daran denken, die neue Adresse anzugeben.

In der Innenstadt läuft ein Würstchenmann herum, er trägt eine Bauchlade, darin liegen Bratwürste für 1,20€. Ein am Rücken befestigter Regenschirm schützt ihn vor Niederschlägen. In der Nähe sitzen Punker. Überall sitzen Punker. Und überall fahren Fahrradfahrer. Sicherlich sind wir von der Fotografin reingelegt worden. Irgendwann hängt unser Bild unten am Eingang des Studentenwohnheims.

Ich stelle mein Fahrrad bei Lidl ab, da spricht mich eine Frau an. Was für ein schönes Fahrrad ich doch habe, mit dem Lenkrad käme sie zwar nicht klar, die Bremsen seien ihr zu klein und die Stange zu hoch – sie habe doch Rheuma – aber ansonsten sei das ein sehr schönes Rad. Darauf müsse ich aufpassen. Ich warte, bis die Frau gegangen ist, erst dann betrete ich das Geschäft.

Das Handy klingelt oft in den letzten Tagen. Mama ruft an, fragt nach der Wäsche. Papa ruft an, fragt nach dem Herd. Die Schwester ruft an, fragt nach ihrem Schlafkissen. Der Bruder ruft an und erzählt von meinem alten Zimmer, das jetzt neu angestrichen und eingerichtet ist. Ich betrachte den schmierig-gelben PVC-Boden der Wohnheimwohnung.

Die Frau auf dem Bürgeramt hat uns einen Willkommensbeutel mitgegeben. Sie war verwundert, dass wir uns so schnell angemeldet haben.

Von rechts oben hören wir  jemanden telefonieren. Er telefoniert ständig und wahrscheinlich hat er schlechte Ohren, denn er hat seine Wahlfunktion so laut eingestellt, dass wir ihn wählen hören können.

Wir haben das falsche Fernsehkabel gekauft, wir sind beide frustriert. Wie es wohl im vierten Stock ist? Hocken die da alle aufeinander und denken sich Fotoprojekte aus?

Im Hannover-Kennenlern-Buch habe ich alle wichtigen Notrufnummern angestrichen. Die Seite ist jetzt rot. Das sollte erst einmal reichen. Wie hieß die Berlinerin eigentlich?

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