Gespräch am Maschsee

Rebecca_Hannover
Am Maschsee ist es voll, wie an jedem Wochenende. Die Menschen gehen spazieren, füttern die Möwen und Schwäne. Wilde Liebe steht auf einem der Schlösser am Geländer, 96, alte Liebe tönt es aus dem Stadion nebenan.

Er spricht mich an, als ich am Ufer entlanggehe und Fotos vom Herbstlaub mache. Ob ich Zeit hätte, mich ein bisschen zu unterhalten. Er hätte so selten die Gelegenheit, länger mit jemandem auf Deutsch zu reden. Aller anerzogener Vorsicht zum Trotz nicke ich und stecke die Kamera weg.

Er ist vor drei Jahren aus dem Iran hergekommen. Geflüchtet, sagt man das so? Er hat hier keine Familie, keine Bekannten. Sein Deutsch ist gut. Nächsten Monat macht er ein Praktikum in der Nähe, als Elektroingenieur. Das hat er im Iran bereits studiert, er hofft darauf, nach dem Praktikum übernommen zu werden. Er sucht schon lange einen Job, war zuvor in Marburg. Auf dem Amt wurde ihm geraten, es doch in Hamburg zu probieren. Aber er möchte nicht mehr umziehen. Ich bin schon so viel unterwegs gewesen. Ich möchte gerne bleiben. Er mag Hannover, hier fühlt er sich sicher. Überhaupt ist er froh, in Deutschland bleiben zu dürfen. Ich lebe und ich bin gesund, das ist gut.

Er unterscheide auch nicht gern zwischen „seiner“ und „der anderen“ Kultur, nur eines sei ihm aufgefallen: Es sei in Deutschland gar nicht leicht, Menschen kennenzulernen. Alle seien so beschäftigt, Gespräche mit unbekannten Menschen scheinen hier kaum stattzufinden. Das mache es ihm schwer. Verschämt schaue ich zur Seite. Auch ich bin wegen seiner Bitte um ein Gespräch zunächst irritiert gewesen. Er scheint die Geste misszuverstehen. Naja, danke für deine Zeit. Er lächelt scheu, verabschiedet sich mit Handschlag und verschwindet zwischen den Spaziergängern. Ich habe nicht einmal nach seinem Namen gefragt.

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