Café des Anges

Foto: Rebecca Goldbach

Über ihrer linken Armbeuge sind die Worte „head held high“ eintätowiert. Das scheinen allerdings die einzigen englischen Worte zu sein, die sie versteht – und da ich den Französischunterricht für das Nachholen meiner Geschichtshausaufgaben genutzt habe, sind meine Bestellversuche in beiden Sprachen ziemlich nutzlos. Sie versteht mich nicht, ich verstehe sie nicht, aber wir lachen beide und schließlich bringt sie uns einfach Wein und ein gutes Kilo Käse. Sie trägt die blonden Haare zu einem Zopf, unter dem man den Sidecut noch erahnen kann. Sie redet schnell, egal mit wem, sie serviert schnell und sie lacht schnell. Der ganze Raum scheint sie zu beobachten, wie sie zwischen den viel zu eng gestellten Tischen hin und her tanzt.

Ich würde ihr gern alles erzählen. Dass hier wirklich jeder Stein so aussieht, wie ich es mir vorgestellt habe. Dass ich an der Notre-Dame nur noch eine ignorante Reisegruppe davon entfernt war, fremder Leute Kameras in die Seine zu werfen. Und dass der Anblick der Wasserspeier mich wieder versöhnt hat, weil auch die exakt so aussahen wie damals in meinem Kopf, als ich mit der Taschenlampe unter der Decke Hugos Glöckner las. Das alles würde ich ihr erzählen, hätten wir eine gemeinsame Sprache. Stattdessen sehe ich ihr zu, wie sie meinem Sitznachbarn die Hand auf die Schulter legt und nickt, während er auf Englisch bestellt. Sie bringt ihm Wein und Käse und er lacht.

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