Exkurs: Im Fitnessstudio

Symbolfoto mit Flasche. Foto: Melanie

Es ist das Ende der Urlaubszeit. Der Zulauf von Neukunden ist in den letzten August-Tagen besonders groß. Zwei Wochen Urlaub, sagt eine Fitnesstrainerin und zwinkert ihrem Kollegen zu. Er hat gerade einen Vertrag abgeschlossen. Am Anfang kommen die Neukunden noch alleine, bald bringen sie Freunde oder Partner mit.

Das Fitnessstudio entpuppt sich als Pärchensporthort, als symbiotisches Trainingslager, als Fitte-Senioren-Tummelplatz. Hier kann man Tage verbringen, ohne die Zeit zu kennen. Ist man hungrig, trinkt man einen großen Eiweißshake. Die Getränke-Flatrate ist günstig, zum Entspannen geht es in eine der Geschlechter getrennten Saunen. Das ist nicht wie auf dem Land, wo man sich Vereinen anschließen muss, um für fünfzig Cent im Monat wöchentlich Kneipp-Übungen machen und für den Rest des Jahres ehrenamtlich Schweißbänder anfertigen und Tombola-Gegenstände sammeln zu müssen. Das Fitnessstudio ist ein perfekter Ort, ein hermetisch abgeschlossener Raum. Ein Freizeitpark für alle Städter, Vorstädter, Unstädter, Irgendwiestädter, für Menschen vielleicht, die einen festen Ort brauchen, weil sonst nichts fest ist, nicht einmal der Schlafplatz (Quoten-Pathos!).

Durch die Fenster dringt kein Geräusch, auf den Laufbändern sprinten zwei Männer um die Wette. Sie sehen sich nicht an, sie sehen an die Wand, in den Spiegel, auf den Fernseher, aus dem Fenster. Vielleicht kennen sie sich gar nicht. Jeder hat seinen Bereich, aber langsamer als der andere wollen sie auch nicht sein. Ein Rentner hält zwei Crosstrainer frei. Auf den einen legt er ein Handtuch, auf den anderen platziert er eine Trinkflasche mit dem Logo des Studios. Aus der Umkleide kommt eine ältere Frau, sie geht auf den Rentner zu, sie geben sich einen Kuss, dann steigen sie auf die Geräte, trainieren, schweigen.

Außer an der Theke wird nicht viel gesprochen, das Fitnessstudio ist ein Guck-Ort.

Die Frauen im separaten Frauenbereich wirken biestig. Ihre Gesichtszüge sind eingefroren, sie trainieren mit raumhohen Spiegeln, Haare werden zurecht gelegt, Hanteln angeschaut, Lippen geschürzt. An den Geräten verharren sie. Was sie wohl denken? Sind sie zufrieden? Oder trainieren sie, weil sie glauben, dass sie trainieren müssen? Eine übergewichtige Frau, eine Ausnahme. Ihre Haare sind nass, ihr Gesicht gerötet. Eisern arbeitet sie sich von einem Kraftgerät zum nächsten.

Gespreizte Zehen und den Bauchnabel an die Wirbelsäule atmen. Nicht jeder ist in seinem Powerhaus — die Pilates-Trainerin schwitzt nicht und rennt nach der Turnstunde zum nächsten Termin. Frauen, die über Schulferien und Schulmaterialbeschaffung reden, checken aus. Die Fitnesstrainerin saugt hinter der Theke die Computertastatur ab. Die Mineraldrinks kommen aus Kanistern. Auf den Fernsehbildschirmen läuft stumm eine N24-Reportage über Kohleförderung oder über ein Bauprojekt mit großen Baggern.

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